(Fast) alles über Vogelspinnen

Vogelspinnen gehören zu den ältesten Geschöpfen der Erde; es sind gleichsam lebende Fossilien, die in Körperbau und Lebensweise geradezu optimal angepaßt sind. Sie haben die Fähigkeit (zumindest zeitlebens im weiblichen Geschlecht, Männchen häuten sich nach Erreichen der Reife nicht mehr), verlorengegangene Gliedmaßen usw. binnen kurzer Zeit (innerhalb zwei bis drei Häutungsintervallen) vollständig zu regenerieren.
(Brachypelma anitha, Mexiko. Die haarfreie Stelle am Hinterleib - links - ist noch hell. Später dunkelt diese - rechts - immer mehr nach: das sicherste Anzeichen einer bevorstehenden Häutung).
Dies macht sie nahezu unverwundbar. Lediglich ihr Abdomen, der Hinterleib, ist gefährdet und kann leicht platzen.
~~~Bitte klicken Sie hier, um Bilder einer Abfolge der Häutung zu sehen!~~~
(Here you can see pictures of a tarantula moulting!)
Vogelspinnen gibt es in nahezu 1000 Arten, jedes Jahr werden etliche von der Fachwelt neu beschrieben und neue Arten werden entdeckt und gelangen so in unsere Terrarien.
Vogelspinnen haben unterschiedliche Biotope besiedelt. Es gibt sowohl baum- als auch bodenlebende Arten. Die Baumbewohner weben kunstvoll Blätter zu einem Wohngespinst zusammen, während die Erdbewohner tiefe Stollen und Höhlen graben.
Den Namen "Vogelspinne" verdienen manche Arten zu Recht: Wenn sie bedroht werden, können sich diese Baumbewohner von ihrer hohen Warte aus fallen lassen und dabei die acht Beine so spreizen, daß dies fast wie Fliegen aussehen kann (Avicularia- und Psalmopoeus-Arten). Vielleicht haben die Tiere ihren Trivialnamen daher. Im englischsprachigen Raum tragen sie auch den Namen "bird-eating-spiders", wie er im Titel dieser Homepage zu entdecken ist. Wahrscheinlich rührt das von der Verhaltensweise her, die Maria Sybilla Merian, eine Wissenschaftlerin und Naturreisende des Mittelalters, in Surinam entdeckt hat: Eine große Vogelspinne, vermutlich eine Theraphosa oder eine große Avicularia-Art, hockte über einem toten (höchstwahrscheinlich nicht selbst erlegten) Vogel (Kolibri?) und fraß an diesem. Dieses Bild wurde als Kupferstich verewigt.

In den Tropen, den Herkunftsländern der (allermeisten) Vogelspinnen, tragen die Tiere unterschiedliche Namen. "Aranas de Caballo" heißen sie in Teilen Südamerikas, weil ihnen nachgesagt wird, sie würden Pferde mit ihrem Giftbiß töten.
Das Gift der meisten Arten ist vergleichbar mit einem Wespengift. Lediglich verschiedene Acanthoscurria-, Poecilotheria- und Harpactira-Arten verfügen über ein stärker wirkendes Verdauungssekret. Ja, mehr ist das "Gift" im Grunde genommen nicht. Würde man der Vogelspinne die "Giftzähne", die Chelizeren, also ihre Beißwerkzeuge oder Klauen, entfernen, wäre sie nicht mehr im Stande, Nahrung aufzunehmen und zu verdauen. Wie alle Spinnen verdauen auch die großen Vogelspinnen ihre Nahrung extrakorporal, d.h. außerhalb des Körpers. Sie spritzen das "Gift" in das Innere ihrer Beute und saugen den verflüssigten Saft auf.
Vogelspinnen sind in der Lage, wegen ihrer Größe, Kraft und Lebensweise sehr große Beutetiere zu erlegen. Deshalb können sie auch monatelang fasten; nur Wasser müssen sie ständig zur Verfügung haben. Man sagt verschiedenen Grammostola-Arten und auch der größten Spinne überhaupt, der Theraphosa blondi aus dem nördlichen bis zentralen Südamerika, nach, sie würden (bevorzugt?) Schlangen und Echsen fangen. In der Tat gibt es Filmdokumente von schlangenessenden Theraphosas und Fotoberichte von frosch- und fledermausverzehrenden Avicularias. In Französisch-Guyana konnte ich persönlich anhand von Resten der Theraphosa-Mahlzeit im Höhleneingangsbereich feststellen, daß vermehrt Groß-Libellen und riesige Zikaden erbeutet wurden.
Vogelspinnen sind recht produktive Tiere. In einem Kokon (=Eiballen) aus Seidenstoff können durchaus bis zu 1200 Jungspinnen Platz finden. Manche Arten produzieren aber auch nur etwa 20-40 Jungtiere. Vogelspinnenmütter sind sehr darauf bedacht, die Brut und die später schlüpfenden Jungspinnen zu schützen. Will man einem Weibchen den Kokon wegnehmen, so verteidigt es sich mit allen Mitteln. Verschiedene Pterinochilus- und Ceratogyrus-Arten Ost- und Südafrikas hängen den Kokon im Wohngespinst auf und bewachen ihn so. Die meisten Arten tragen ihn vor sich her oder setzen sich darauf. Vorsichtig werden hier die ansonsten todbringen Chelizeren eingesetzt.
Nach der Paarung (Vogelspinnenmännchen erreichen oft nicht das Alter der Weibchen, immerhin bis zu 25 Jahre, sondern werden nicht selten nur 2-10 Jahre alt) trennen sich die Partner meist friedlich. Lediglich bei alten Männchen, die nicht mehr die wichtige Trommel- und Zitterstimulanz ihrer Beine und des Körpers dem Weibchen adequat nahebringen können, kann es zu Verlusten kommen. Dann dient das Männchen noch als Vitamin- und Energiereserve für das Weibchen, welches in der Kokonpflegephase meist kaum oder gar keine Nahrung mehr zu sich nimmt.
Wenn sich das Weibchen also etwa 2-3 Monate nach der Kopulation in seine Behausung zurückzieht, steht der Kokonbau unmittelbar bevor. Es wird ein Seidenteppich gesponnen, auf den die bis zu erbsengroßen Eier abgelegt werden. Dann wird nach der Schneeballmethode verfahren. Die Eier werden vielfach übersponnen und dann wird alles zu einer großen Kugel zusammengerollt.
Etwa 8-10 Wochen später fangen die Jungspinnen an, im Innern des Kokons Bewegungen zu vollführen. Sie machen zwei Larvenstadien durch: Das 1. Stadium macht aus Eiern "Eier mit Beinen"! Hierin sind die Jungtiere nahezu unbeweglich und erzeugen einzig ein Rascheln durch das Auf und Ab ihrer Beinchen. Später häuten sich die Jungen erneut und ähneln schon ganz einer richtigen Vogelspinne, zehren aber noch vom reichlichen Dottervorrat im Hinterleib. Oft beißt jetzt das Weibchen einen Riß in die Seidenhaut des Kokons und ermöglicht so den Larven ein Entsteigen in die Freiheit. Die Jungspinnen bleiben noch bis zur nächsten Häutung in der Nähe der Mutter und zerstreuen sich später in die Umgebung. Jetzt können sie selbst Beute machen und aufwachsen.

Zur künstlichen Zeitigung wird der Kokon in einer Plastikdose mit feuchtem Papier warmgestellt.

Pamphobeteus platyomma-Nymphen in der Aufzuchtbox.

"Fertige" Jungspinnen, die sogenannten Spiderlings (Psalmopoeus cambridgei).

Jungspinne von Theraphosa apophysis bei der Mahlzeit.
Das Weibchen häutet sich nach dieser Zeit und kann erneut verpaart werden.
Vogelspinnen eignen sich hervorragend als Terrarientiere für unsere Wohnräume. Sie sind pflegeleicht (zumindest die allermeisten Arten) und kommen mit wenig Futter, Platz und Aufwand aus. Sie sind leicht züchtbar, was eine Entnahme aus der Natur fast ganz erübrigt. Lediglich zur "Blutauffrischung" sind alle paar Jahre einmal wenige Exemplare, die wildgefangen sind, nötig. Die meisten Arten werden mittlerweile regelmäßig von den Hobbyisten vermehrt und auf Börsen angeboten. Der Markt boomt nach wie vor. Gerade in Zeiten steigender Präsenz von Artenschutzproblemen und der CITES-Diskussion greifen viele Terrarianer auf die Vogelspinne zurück (nur die Brachypelma-Arten - möglicherweise demnächst auch alle Poecilotheria-Arten - sind geschützt und müssen mit entsprechendem Herkunftsnachweis abgegeben werden).